Stiftung Warentests jüngster Streich

Sie wissen nicht, was sie tun. Denn wüssten sie es, ihr Tun wäre wahrlich verwerflich.

Die mächtige deutsche Institution Stiftung Warentest macht Olivenöl nach Strich und Faden und mit allen möglichen Argumenten schlecht, sorgt aber gleichzeitig dafür, dass Aldi und Lidl im öligen Sumpf stets obenauf schwimmen.

„Spitzenklasse für kleines Geld gibt es nicht: Von 24 Olivenölen schneidet keins gut ab.“ Der erste Satz des neuesten Olivenöl-Tests von Stiftung Warentest klingt

vielversprechend. Anderes als ein enttäuschendes Verkostungsresultat ist bei der Auswahl der getesteten Öle auch nicht zu erwarten. Getestet wurden Marken- und Discounteröle ohne bestimmte Herkunft.

Doch, so erfährt man beim Weiterlesen, 14 Öle wurden als „befriedigend“ oder „ausreichend“ eingestuft. Genauer: als befriedigende, respektive ausreichende Extra Vergine.

Das Missverständnis der Warentester äußert sich bereits in ihrer Terminologie: Der Begriff Extra Vergine ist nicht freiem Gutdünken überlassen, sondern wird vom Gesetz genau geregelt. Befriedigend oder ausreichend in Bezug auf eine gesetzlich definierte Kategorie bedeutet, dass das Erzeugnis den offiziellen Anforderungen genügt

Im Falle eines Extra Vergine lautet eine der zwei Dutzend Vorgaben, dass Öle dieser Qualitätskategorie keinerlei sensorische Fehlaromen aufweisen dürfen. Da Oliven und mehr noch Olivenbrei überaus reaktiv sind und sich aufgrund endogener Enzyme und Zucker rasch unerwünschte Fehlaromen bilden, sind echte Extra Vergine im Sinne der gesetzlichen Definition einzigartige Meisterstücke. Selbst für sorgfältige, fortschrittliche Ölmühlen ist die Vermeidung von unerwünschten Prozessen jedes Jahr wieder eine neue Herausforderung.

Auch bei Warentest weiß man, „dass Olivenöl der höchsten Güteklasse sensorisch fehlerfrei sein muss. Das gelingt nur durch Sorgfalt bei Anbau, Ernte und Verarbeitung der Oliven“. Würden sich die Warentester nur die Mühe machen und den Werdegang eines der drei gekürten Öle mal zurückverfolgen, sie wären schockiert! Sorgfalt beim Anbau und der Ernte kann ja sein, aber ein Einblick in die Verarbeitung und das, was danach kommt, würde ihnen die Lust darauf nehmen, die Öle schon nur für die Verkostung in den Mund zu nehmen.

Keines der getesteten Öle stammt direkt von Produzenten oder Ölmühlen. Allesamt wurden sie in riesigen Schiffsbäuchen übers Mittelmeer gefahren und in großen Fabriken gemischt, gereinigt und für die Abfüllung bereitgemacht. Es sind ausnahmslos Öle, die unsere an echte Extra Vergine gewohnten Leser als verdorben ablehnen würden.

Stiftung Warentest schreibt, dass die Öle „durchschnittliche Massenware“ sind. Daraus darf man schließen, dass sich die Stiftung nicht an gesetzlichen Mindestanforderungen, sondern am Qualitätsniveau orientiert, das im Lebensmittelhandel üblich ist. Doch Extra Vergine hat ebenso wenig etwas mit durchschnittlicher Massenware zu tun wie ein Grand Cru Classé: Extra Vergine ist per Definition Extraklasse!

Guter Rat ist teuer, Qualität in der Regel auch. Doch ungeachtet dessen verkünden die Warentester ihr Credo: „Unser Rat: Natives Olivenöl extra muss nicht teuer sein“. Danach folgt die widersprüchliche Relativierung, dass Spitzenqualität nicht für kleines Geld zu erwarten sei, und die überraschungslose Verkündung der drei Gewinneröle von Aldi, Lidl und Netto.

Merum eliminiert weit mehr als die Hälfte der für den Taschenführer Olivenöl getesteten Öle wegen Fehlaromen. Keines dieser Öle ist jedoch schlechter als die Testsieger von Warentest. Diese Diskrepanz im Verständnis von Extra Vergine geht zweimal zu Lasten der Produzenten (das sind die Leute, die ihr Öl noch aus echten Oliven machen). Einmal wird ihnen von Stiftung Warentest gesagt, dass Extra Vergine im Handel nicht mehr als 5,05 Euro der Liter zu kosten braucht, und von Merum kriegen sie zu hören, dass ihr Öl aufgrund sensorischer Mängel nicht selektioniert wurde.

Es gibt Regeln, offizielle, gesetzliche Regeln. Wir von Merum versuchen, uns daran zu halten. Stiftung Warentest, eine gemeinnützige Verbraucherorganisation mit staatlichem Auftrag und mit Steuermitteln gefördert, missachtet sie systematisch. Offenbar störts keinen. Im Gegenteil, die Warentest-Leser scheinen beglückt zu sein, kaufen die Publikation und richten sich bei ihrem Einkauf nach den Testergebnissen. Für uns ist die Anspruchslosigkeit dieser Verbraucherorganisation unverständlich. Doch eine Merum-Leserin erklärt uns das so: „Ihr versteht das System nicht – die Leute wollen lesen, dass ihr billiges Discounteröl prima ist, sonst kaufen sie das Heft nicht mehr.“

Immerhin wissen wir bei Merum jetzt, was wir falsch machen…

Stiftung Warentest hat sich offenbar in das Thema Olivenöl verbissen. Früher gabs mehrjährige Pausen zwischen einem Test und dem anderen, in denen man kulturell wieder etwas aufbauen konnte. Doch nun folgen diese Tests Schlag auf Schlag, und jeder neue Test macht in Deutschland Olivenölkultur kaputt.

 


Wie erkennt man kaltgepresst?

Die Expertin erklärts

Eines der Gewinneröle stammt von Lidl. Als wir uns in einer Münchner Filiale des Discounters ein Fläschchen der Delikatesse sichern wollten, war vom Jahrgang des getesteten Öls leider nichts mehr da. So griffen wir zur neuen Ernte. Das Öl war jedoch festgefroren und so wiesen wir an der Kasse die Verkäuferin darauf hin, dass das Öl gefroren sei. Mit entwaffnender Sachkenntnis erwiderte sie: „Das ist, weil es kaltgepresst ist!“ Ein Argument, dem nichts entgegenzusetzen ist. Wir lernen daraus: Heißgepresste Öle erkennt man daran, dass sie klar sind.

 


Nachgetestet: Die drei besten Öle von Stiftung Warentest 2017

 


Der Rat von Stiftung Warentest

„Natives Olivenöl extra muss nicht teuer sein. Doch sensorische Spitzenklasse dürfen Verbraucher für kleines Geld nicht erwarten. Die drei besten Olivenöle im Test sind Produkte von Discountern: Gut Bio von Aldi (Nord) für 6,25 Euro (alle Preise pro Liter), Primadonna von Lidl für 5,05 Euro und Vegola von Netto Marken-Discount für 5,05 Euro. Sie schneiden sensorisch, bei Schadstoffen und auch insgesamt befriedigend ab.“

 


 Der Rat von Merum

Natives Olivenöl kann nicht billig sein. Extra Vergine ist laut Gesetz Spitzenklasse, also dürfen Verbraucher etwas erwarten. Die Merum-Redaktion hat die drei Gewinneröle in Deutschland gekauft. Das Problem bei derlei Nachtests ist immer, dass eine Abfüllcharge beim Discounter nur kurze Zeit verfügbar ist und bald durch „frische“ Ware ersetzt wird.

Offenbar hatte Stiftung Warentest beim Mustereinkauf ein enorm glückliches Händchen. Wir hatten leider Pech, denn die von uns gekauften Muster waren nicht „befriedigend“, sondern „ausgesprochen unappetitlich“… aber bitte lesen Sie den Originaltext unserer Verkoster nach der Blindverkostung der drei besten Olivenöle:

Gut Bio von Aldi Nord: „Ranzig-stichig-essigartig – dumpfer, stechender Geruch nach verschimmelten Zitronen, altem Oliventrester, Schweiß und Fensterkitt, provoziert Brechreiz.“ (Die Verkoster mochten das Öl nicht in den Mund nehmen.)

Primadonna von Lidl: „Stichig-weinartig-essigartig – ein übel-stechender Geruch von altem Oliventrester, Oliven in Salzlake, Käsefüßen, altem Schweiß und Essig.“ (Keiner der Verkoster hatte den Mut, das Öl in den Mund zu nehmen.)

Vegola von Netto: „Stichig-ranzig-essigartig – der dumpf-stechende Geruch verschlägt einem den Atem: vergorene Früchte, Katzenurin und Essig – verdorbene Picual-Oliven lassen grüßen. Allein der Gedanke, diesen stinkenden Saft probieren zu müssen, verursacht Übelkeit; für die ganz Mutigen lohnt es sich trotzdem, sie können im Mund die ganze Ranzigkeit auskosten, die aufgrund des stechend intensiven Geruchs von der Nase nicht so stark wahrgenommen wird.“

Käme ein offizielles Panel zu denselben Resultaten wie unser Panel, müssten die drei Öle als Lampant und somit als nicht verkehrsfähig eingestuft und vom Vertreiber zurückgenommen werden.

Gekauft wurden die drei Öle bei Aldi, Lidl und Netto in Deutschland, verkostet wurden sie am 1. Februar 2017 in Lamporecchio, Italien. (Die Losnummern können bei der Redaktion angefragt werden.)